Tiroler Volksschauspiele feierlich eröffnet – ohne Bumms!

Zwei Stunden vor dem Bieranstich beim Telfer Dorffest wurden am 4. Juli im RathausSaal die Tiroler Volksschauspiele offiziell eröffnet. Im Mittelpunkt des Festakts stand das heurige Leitthema „Feuernacht“ – mit Reden, die zwischen pointierter Kulturpolitik, persönlicher Erinnerung und historischer Einordnung pendelten.

Eine Gruppe von Menschen mit SchürzenExplosive Südtiroler Bauernschürzen. V.l. Sonja Schwaiger (Betriebsbüro TVS), Gregor Bloéb, Festredner Christoph Franceschini, Tobias Moretti und TVS-GF Julia Neuner.

Großes „Hallo“

Schon beim Empfang an der Bar von Michls Sommerschenke am Wallnöferplatz zeigte sich: Die Eröffnung der Volksschauspiele ist längst auch ein gesellschaftliches Wiedersehen. Im RathausSaal selbst blieb das Programm bewusst schlank. Musiker Johannes Trieb setzte jazzig Akzente, ehe nacheinander der künstlerische Leiter Gregor Bloéb, Bürgermeister Christian Härting, Landesrätin Cornelia Hagele und Festredner Christoph Franceschini auf die Bühne traten.

Wir lieben euch!

Bloéb schlug den gewohnt launigen Ton an und verwies auf die starke Auslastung: Für die Hauptproduktion „Feuernacht“ seien seit Monaten keine Karten mehr erhältlich, selbst für die Saison 2027 gebe es bereits Anfragen – „egal, was wir spielen“. Die heurige Spielzeit stehe ganz im Zeichen „menschlicher Existenz in Zeiten des Aufruhrs und des Wandels – auf der Suche nach einem Platz in dieser wankenden Welt.“ 

Nach einem Ausblick auf die starbesetzte Marathonlesung mit Texten von Joseph Roth am 19. Juli und auf die Hauptproduktion „Feuernacht“ in der Südtiroler Siedlung ab 30. Juli wurde der künstlerische Leiter emotional. Er erinnerte daran, dass die beste Geschichten immer vom Menschen aus erzählt werden. Dies sei ein Leitmotiv der Tiroler Volksschauspiele. Ohne die Menschen – das Team, die Förderer, die Sponsoren und das Publikum wären die Tiroler Volksschauspiele nicht möglich, so Bloéb. „Wir spielen immer. Für euch. Wir lieben euch!“, rief er in den Saal – und erklärte die Spiele offiziell für eröffnet.

Eine Person, die an einem Rednerpult mit Mikrofonen stehtGregor Bloéb erklärte die Spiele offiziell für eröffnet: „Wir spielen immer. Für euch. Wir lieben euch!“

Willkommen im Festspielhaus

Bürgermeister Christian Härting begrüßte zahlreiche Ehrengäste, darunter Landesrätin Cornelia Hagele, Nationalrat Christofer Ranzmaier, die Vizebürgermeister Klaus Schuchter und Johannes Augustin, Kulturreferentin Theresa Schromm sowie Telfer Ehrenbürger, allen voran LH a. D. Herwig van Staa. Mit einem Augenzwinkern in Richtung des Rufes nach einem fixen Haus fürs Theater sprach Härting vom RathausSaal als „zukünftigem Festspielhaus“ der Volksschauspiele: „Ein Haus, in dem vieles möglich ist und vieles möglich gemacht werden kann. 10.000 bis 20.000 Besucherinnen und Besucher pro Saison sind nicht nur ein kultureller Gewinn, sondern auch ein Impuls für Wirtschaft, Handel, Gastronomie und Hotellerie im Ortszentrum“, so Härting. Es sei schön zu sehen, wie sich die Telfer Kulturinitiativen und Aushängeschilder hier vernetzen und bereits die Ideen sprudeln lassen.

Pusterer Bua als Nachbar

Landesrätin Cornelia Hagele überbrachte Grüße von Landeshauptmann Anton Mattle und knüpfte das Thema des Theatersommers an persönliche Erinnerungen. Sie sprach über ihren ehemaligen Nachbarn, den Südtirol-Aktivisten Siegfried Steger, der bis zu seinem Tod im Februar in Telfs lebte. Dessen Traurigkeit darüber, nicht in seine Heimat zurückkehren zu dürfen, sei ihr in Erinnerung geblieben. Zugleich warnte Hagele davor, Patriotismus mit Nationalismus zu verwechseln. Den Volksschauspielen attestierte sie, trotz Internationalität ihre Wurzeln nie vergessen zu haben: „Volkstheater im besten Sinne.“ Die Idee eines fixen Hauses relativierte sie mit einem Seitenhieb Richtung Bloéb. Gerade die wechselnden, spektakulären Spielorte machten den Reiz der Volksschauspiele aus: „Alles immer an einem Ort, das wäre doch langweilig, Gregor!“

Gegen Mythenbildung und Instrumentalisierung

Den stärksten inhaltlichen Kontrapunkt setzte Festredner Christoph Franceschini mit seinem Vortrag „Freiheitskrampf: Der Mythos Feuernacht“. Der vielfach ausgezeichnete Investigativjournalist sortierte die Südtirol-Attentate der 1950er- und 1960er-Jahre sowie deren Protagonisten historisch korrekt ein. Aus den Bombenjahren seien über Jahrzehnte Heldengeschichten entstanden, deren Erzählmuster bis heute politisch instrumentalisiert würden, sagte Franceschini. Er wandte sich gegen Romantisierung, Mythenbildung und die nachträgliche Anpassung historischer Tatsachen. Seine Abrechnung richtete sich nicht an die Akteure der Vergangenheit, die er in vielen Interviews kennen – und teilweise schätzen – lernen durfte, sondern vor allem an den politischen Missbrauch von heute. Seine Rede schloss er mit den Worten, „Gewalt erzeugt Gegengewalt. Unweigerlich dreht sich die Spirale der Gewalt so immer höher. Und irgendwann zählen Menschenleben nicht mehr. Das sollte eines der Vermächtnisse sein, das wir aus der Feuernacht mitnehmen.“

Damit bekam der Eröffnungsabend jene Reibung, die dem Leitthema gut ansteht: festlich, aber nicht gefällig; pointiert, aber nicht pathetisch. Beim Ausklang an der Bar wurde weiterdiskutiert – über Theater, Geschichte und die Sprengkraft von Erinnerungen. Auf den Südtiroler Bauernschürzen von Gregor Bloéb und seinem Team waren zwei gekreuzte Dynamitstangen zu sehen. Explodiert ist an diesem Abend zum Glück nur die Gesprächslust.

Eine Gruppe von Menschen, die auf Stühlen in einem Raum mit Bühne und Podium sitzenGebannt folgte die BesucherInnenschar den Ausführungen von Christoph Franceschini in seinem Vortrag „Freiheitskrampf: Der Mythos Feuernacht“.

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    (v.l.) Silvia Wechselberger (ehemalige Geschäftsführerin des Vereines Tiroler Volksschauspiele), GF Julia Neuner, Gregor Bloéb und Andrea Miller (Tiroler Landestheater).
  • Marc+Hess+und+Uli+Br%c3%a9e.
    Marc Hess und Uli Brée.
  • GV+Christoph+Walch+mit+seinem+Onkel%2c+der+%c3%96tztaler+Kulturinstitution+Gerhard+Prantl.
    GV Christoph Walch mit seinem Onkel, der Ötztaler Kulturinstitution Gerhard Prantl.
  • Politische+Prominenz%3a+(v.l.)+Andrea+Lestina%2c+Johannes+Spiss%2c+NR+Christopher+Ranzmaier+und+GR+Michael+Ebenbichler.
    Politische Prominenz: (v.l.) Andrea Lestina, Johannes Spiss, NR Christopher Ranzmaier und GR Michael Ebenbichler.
  • Tobias+Moretti+begr%c3%bc%c3%9fte+herzlich+den+Telfer+Ehrenb%c3%bcrger+Herwig+van+Staa.
    Tobias Moretti begrüßte herzlich den Telfer Ehrenbürger Herwig van Staa.
  • (v.l.)+B%c3%bcrgermeister+Christian+H%c3%a4rting%2c+Gregor+Blo%c3%a9b%2c+Sonja+Schwaiger+(Betriebsb%c3%bcro+TVS)%2c+Festredner+Christoph+Franceschini+und+GF+Julia+Neuner.
    (v.l.) Bürgermeister Christian Härting, Gregor Bloéb, Sonja Schwaiger (Betriebsbüro TVS), Festredner Christoph Franceschini und GF Julia Neuner.
  • Feuernacht-Regisseur+Thomas+Gassner+(r.)+und+Schauspieler+Max+Malatesta.
    Feuernacht-Regisseur Thomas Gassner (r.) und Schauspieler Max Malatesta.
  • Landesr%c3%a4tin+Cornelia+Hagele+(l.)+und+Schauspielerin+Nina+Proll.
    Landesrätin Cornelia Hagele (l.) und Schauspielerin Nina Proll.
  • Maskenbildnerin+Lilli+Bree%2c+Schauspielerin+Lisa+H%c3%b6rtnagl+und+Dramaturg+Florian+Hirsch.
    Maskenbildnerin Lilli Bree, Schauspielerin Lisa Hörtnagl und Dramaturg Florian Hirsch.
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    BesucherInnen des Eröffnungsfestaktes.
  • (v.l.)+Vize-Bgm.+Johannes+Augustin+mit+Veronika+und+Gerhard+Schartner.
    (v.l.) Vize-Bgm. Johannes Augustin mit Veronika und Gerhard Schartner.
  • Telfer+Kommunalpolitik%3a+(v.l.)+GR+Alexandra+Lobenwein%2c+GV+Christoph+Walch%2c+GR+Simon+Lung%2c+GV+Alexander+Schatz+und+Kulturreferentin+GR+Theresa+Schromm.
    Telfer Kommunalpolitik: (v.l.) GR Alexandra Lobenwein, GV Christoph Walch, GR Simon Lung, GV Alexander Schatz und Kulturreferentin GR Theresa Schromm.
  • Musiker+Johannes+Trieb+lieferte+einen+kreativen+musikalischen+Kommentar+zur+Thematik.
    Musiker Johannes Trieb lieferte einen kreativen musikalischen Kommentar zur Thematik.
  • Festredner+Christoph+Franceschini+mahnte+zu+einem+korrekten+Umgang+mit+der+Geschichte+der+S%c3%bcdtirol-Attentate.
    Festredner Christoph Franceschini mahnte zu einem korrekten Umgang mit der Geschichte der Südtirol-Attentate.